Wege und Stationen

Wege und Stationen

Der Weg der Liegls – und ihre Stationen, ihre Rastplätze, und ihr Weg dazwischen, den meist nur Einzelne unternommen haben, das sind wichtige Teil-Themen auf meinem persönlichen Weg.

Ich geh für das Folgende nun mal von der Gegenwart aus.

In welcher der beiden Phasen sind wir, die heutigen Liegls unserer Familie? Oder lassen sich die diskreten Phasen gar nicht mehr klar trennen, wenn man gerade drinsteckt, vielleicht eben nur aus einer gewissen zeitlichen Distanz?

Also, was?

Bei unseren Eltern und Großeltern war’s noch ziemlich klar, wenigstens dieser Aspekt. Unser Vater und unsere Mutter sind im heutigen Münchner Stadtgebiet geboren, haben uns 5 Geschwister dort geboren und aufgezogen, und sind auch dort gestorben. Auch deren Eltern. 

Väterlicherseits auf alle Fälle: 

Unser Großvater hat im Glockenbachviertel seine frühe Kindheit verbracht, ist dann vor seiner Schulzeit schon zum Gärtnerplatz hingezogen (worden), mit 63 noch nach Giesing, wo er dann seinen Lebensabend, leider nur mehr 8 Jahre, verbracht hat. Die beiden Weltkriege, an denen er teilnehmen mußte, haben ihn fertiggemacht.


Auch unsere Großmutter, die niemand von uns kennengelernt hat, weil sie schon 1934 gestorben ist, ist, in ihrem Fall eher zufällig, in München geboren, in der Winzererstraße, beim Nordbad. Eigentlich stammten ihre Eltern aus der Gegend um Weilheim. Auch sie lebte beim Gärtnerplatz, und starb erst, als sie einen, wohl den wichtigsten, Lebensmittelpunkt in der Innenstadt, ihren Feinkostladen am Radlsteg 2, beim Tal, eingerichtet hatte.

Mütterlicherseits

ist es, in Bezug auf Bleiben oder Gehen, deutlich unklarer. Ihr Vater ist wohl auch in München geboren und wurde auch hier protestantisch getauft, ist dann aber am Ort seiner Verwandten, in Lindenhardt/ Landkreis Bayreuth in Oberfranken, in die Schule gegangen. Ihre Mutter, also meine Großmutter, wurde allerdings, als einzige in diesem trauten Kreis, nicht in München geboren, sondern in Kirchötting im Landkreis Erding. Die Heirat beider fand aber katholisch in Hl. Geist statt.

Und wir selber, die Nachkommen unserer Eltern? Vom nordwestlichen Oberbayern ins südwestliche, ins westliche Schwaben, sogar bis in den frankisch geprägten Nordosten Baden-Württemberg, ist alles dabei. Für mich glücklicherweise alles noch Süddeutschland. Auch wenn nun zwei der Kinder noch in München wohnen: Von einem Verbleiben der Liegls an einem Ort kann wohl keine Rede sein. Realistisch gesehen scheinen es sich die nächsten Generationen im Landkreis Landsberg am Lech gemütlich zu machen, am Westrand von Oberbayern. Oder eben doch ganz woanders. Das wird man wohl erst in 100 Jahren, ein paar Generationen in der Zukunft, klarer sehen können.

Die Liegls der Vergangenheit

Nun würde ich, schon weil ich da ein persönliches Interesse daran hab, mich um die Wege und Stationen der Vorfahren unseres Vaters kümmern wollen, der Träger des Namens Liegl.

Unser Urgroßvater Sebastian jun., der Schneidermeister, wurde 1866 in Haidhausen geboren, 10 Jahre nach dessen Eingemeindung (Haidhausens, nicht des Urgroßvaters) nach München. Er ist also mit Fug und Recht Recht ein Münchner. Damit hat sich’s aber auch. Sein Vater, Sebastian sen., hat seine zweite Frau, aus dem heutigen Regierungsbezirk Schwaben, noch in Haidhausen geheiratet, 1845, als es noch nicht zu München gehörte. Dort verläuft also, väterlicherseits, die Scheidelinie unseres Daseins als MünchnerInnen, ungefähr 1856 mit der Eingemeindung von Haidhausen und der Au (in der, am Rande bemerkt, genau 70 Jahre später unsere Mutter geboren wurde) zusammenfallend. Aber das heißt auch: Auch unsere frühesten Kontakte mit München sind nur so um 150 Jahre alt.

Allerdings würde ich schon sagen: Angesichts der dramatischen Beschleunigung aller historischen Vorgänge kann man das schon als Verweilen bezeichnen, als Station auf einem unbestimmten Weg in die Zukunft.

Also München, Oberbayern. Und was davor?

Eben ein Weg, weg von Grafenkirchen in der mittleren Oberpfalz, mit einer kurzen Zwischenstation im Landkreis Erding. Vielleicht hat es da noch weiterer Zwischenstationen bedurft, die mir im Augenblick noch nicht zugänglich sind. Denn die Gesamtentfernung, die ein einzelner unserer Vorfahren, Sebastion sen. zurückgelegt hat, ist doch bedeutend, gefühlt so 3 Tagesetappen zu Fuß. Er hatte allerdings sicherlich schon andere Möglichkeiten, sich fortzubewegen, als er sich 1840 von Grafenkirchen nach Pastetten aufmachte, um dort ein Gütl zu kaufen, und wohl, um dort zu leben. 

Viel unklarer sind mir allerdings bis heute seine Motive dafür. Sein Vater, Michael jun., hatte in Grafenkirchen einen Hof, und Sebastian war sein erster Sohn, eigentlich der Hofnachfolger. Aber im Allgemeinen geht sowas nur, wenn man geheiratet hat und mit seiner Frau auf dem Hof lebt. Sebastian wollte aber, er war da schon älter als 30, eine Wirtstochter aus Grassersdorf, so 10 km nordwestlich von Grafenkirchen, seinem Geburtsort, heiraten. Aber das hat wohl nicht geklappt. Er mußte damals in einem anderen Alt-Landkreis ein Wohnrecht beantragen, und sich auch noch die Heirat behördlicherseits genehmigen lassen. Beides war nicht möglich. 

Ich nehme mal an, diese Niederlagen haben ihm dermaßen das Gemüt verhagelt, daß er die Gegend verlassen hat. Dazu kommt auch noch eine steckbriefliche Suche wegen einem Vergehen, sodaß er dann auch wohl noch nach Oberbayern musste, wo ihn die Behörden aus der nachmaligen Oberpfalz nicht mehr greifen konnten. Zumindest erst mal, er lebte dort, in Pastetten im Landkreis Erding, ja auf seinem Gütl, heiratete wirklich ein erstes Mal, und hatte einen Sohn. 

Allerdings zog es ihn so 5 Jahre später, so um 1845, dann doch weiter nach Haidhausen, erst mal mit Frau und Kind. Erstere starb dann später wohl an der Cholera, als eines der letzten Opfer der Seuche, und der Sohn landete dann nach in seinen 40ern im Gefängnis. Danach hatte dieser mit seiner Frau, aus Österreich, eine Tochter, die in München blieb und hier auch eine Familie gründete. Sebastian sen. aber heiratete in Haidhausen noch ein zweites Mal, und nach vier Kindern, die maximal 2 Jahre alt wurden, wurde Sebastian jun geboren, sein Vater war da schon über 60 und starb 5 Jahre später. Sebastian jun. wuchs dann erst mal mit einem Stiefvater auf und strampelte sich dann zum Schneidermeister in der Klenzestraße im Glockenbachviertel, damals wohl eher weniger trendy als heut, auf.

Zurück zu Sebastian sen. Nach seinem wodurch auch immer bedingten Abschied von der Oberpfalz wurde sein jüngerer Bruder Johann Hofnachfolger in Grafenkirchen, und sein Vater starb dort als Austragsbauer. Der Verbleib der Hofstelle dort wird in Zukunft noch eines meiner Themen bleiben.

Jedenfalls: Die Liegls haben dort über 3 Generationen gelebt. Sebastians Vater Michael jun. und sein Großvater Michael sen (von mir einfach der Übersicht wegen so genannt) sind dort geboren und auch gestorben. Sein Urgroßvater Stephan jun. hat in den Hof seiner Urgroßmutter, eben in Grafenkirchen, eingeheiratet. Das wären, geschätzt, nun wieder 150 Jahre Aufenthalt dort, in Grafenkirchen Nr. 5.

Besagter Stephan jun. gab bei seiner Heirat die Herkunft „de Rannersdorf“ an, ein Dorf, das ein paar km weiter nördlich gen Waldmünchen hin lag, aber zur gleichen Pfarrgemeinde, der von Ast, heute ein Ortsteil von Waldmünchen, gehörte. Der Pfarrer, der diese Eintragung in der Traumatrikel machte, wußte also vermutlich sehr wohl, was er tat. Rannersdorf war allerdings, für Stephan jun. zumindest, auch nur eine Übergangsstation. Er war nicht der erste Sohn seines 
Vaters Stephan sen, und damit auch nicht der Hoferbe, und er mußte gehen, wenn er sich verheiraten und eine Familie gründen wollte.

Nun bin ich fast schon am Ende meiner Weisheit, wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen kann. Stephan sen., das weiß ich noch, kam aus Untergrafenried, auch Pfarrei Ast, nördlich kurz vor der heutigen tschechischen Grenze, geboren 1679. Also in das immer noch existierende Restchaos aus dem 30-jährigen Krieg hinein, der ja auch große Verschiebungen bei der Restbevölkerung bewirkt hat. Auch die Protestanten und die Pest haben ihre Spuren noch europaweit deutlich hinterlassen.

Und seine Vorfahren? Es würde für mich naheliegen, daß sie aus Richtung Böhmen kamen.

Das nachzuweisen, und auch noch eine gemeinsame Vergangenheit der heute in die Tausende gehenden Liegl und Liegel (wie sie sich bald nach ihrer Auswanderung nach Amerika nannten) zu finden: Das wird mich, so wie ich das jetzt sehe, den Rest meines Lebens beschäftigen.